Das kleine Inkontinenz-Einmaleins
Während Menstruationsgesundheit langsam, aber sicher mehr Aufmerksamkeit in Supermarktregalen, in den Medien und in unserem Bewusstsein erhält, wird eine andere Form des „Leakage“ noch immer oft als unsichtbar betrachtet.
Ob beim Pilateskurs, auf der Tanzfläche oder durch einen allergiebedingten Nieser, über Inkontinenz wird selten offen gesprochen.
Untersuchungen zeigen jedoch, dass in den Niederlanden 49 % der erwachsenen Frauen unter Harninkontinenz leiden. Daher ist es wichtig, Tabus zu brechen, aufzuklären und das Bewusstsein zu schärfen.
Aus diesem Grund haben wir uns mit dem Gynäkologen Dr. Andreas Widschwendter getroffen, der uns einen tiefen Einblick in das Thema Inkontinenz gegeben hat. Bereit für eine kleine Spritztour?
1. Was ist Inkontinenz und welche verschiedenen Arten gibt es?
Harninkontinenz bedeutet, dass es zu unkontrolliertem und ungewolltem Abgang von Urin
kommt. Man unterscheidet dabei vier verschiedene Formen von Urinverlust:
- Stressinkontinenz (Belastungsinkontinenz): Urinverlust bei körperlicher Anstrengung, Husten oder Niesen, beim Bergabgehen oder beim Springen.
- Dranginkontinenz: plötzlicher, starker Harndrang mit ungewolltem Urinabgang
- Überlaufinkontinenz: Blase kann nicht vollständig entleert werden, füllt sich mehr und mehr an und „läuft über“
- Reflexinkontinenz: bei neurologischen Störungen (z. B. Querschnittslähmung)
2. Was verursacht Inkontinenz?
Die Ursache des Harnverlusts hängt oft von der Form Inkontinenz zusammen.
So zum Beispiel wird Stressinkontinenz oft auf eine schwache oder geschädigte Beckenbodenmuskulatur (z. B. nach Schwangerschaft oder Geburt) zurückgeführt. Andere Auslöser können eine Operation im Beckenbereich oder eine Hormonveränderung, die vor allem durch den Östrogenmangel in den Wechseljahren einhergeht, sein. Weiters sprechen Experten oft von Stressinkontinenz als eine der Folgen von Adipositas oder chronischem Husten, wie man ihn bei Raucher*innen oder Asthmatiker*innen kennt.
Dranginkontinenz wird oft auf eine Reizblase, also eine überaktive Blase zurückgeführt, die meist ohne erkennbare organische Ursache entsteht. Außerdem kann diese Form von Urinverlust durch eine wiederholte Blasenentzündung oder Harnwegsinfektionen verursacht werden. Zwei zusätzliche Faktoren, die Dranginkontinenz begünstigt sind neurologische Erkrankungen wie zum Beispiel Multiple Sklerose oder Parkinson oder Tumore und Polypen in der Blase.
Wie der Name schon vorwegnimmt, entsteht Überlaufinkontinenz vor allem durch Blasenentleerungsstörungen. Hier kann sich die Blase trotz Harndrang nie vollständig entleeren, was zu unkontrollierten Urinverlust führen kann. Weitere Gründe für diesen Typ sind eine Harnröhrenverengung, Nervenschädigung durch Diabetes, oder Nebenwirkungen von bestimmten Medikamenten wie zum Beispiel Psychopharmaka und Muskelrelaxantien.
Ein Symptom von neurologischen Störungen kann unter anderem die Reflexinkontinenz sein. So treten vor allem Multiple Sklerose, Querschnittslähmungen und eine Schädigung des Hirns oder Rückenmarks (z. B. durch Verletzungen oder Tumore) oft in Begleitung von Harnverlust auf.
3. Wie gehe ich am besten mit Inkontinenz um?
Im Fall von Inkontinenz sollte man am besten auf eine rasche und sorgfältige ärztliche Abklärung setzten. Da sich Inkontinenz oft als ein Symptom von anderen Erkrankung zeigt, ist Klarheit und Aufklärung ein essenzieller Faktor im Umgang mit Harnverlust.
Ein umfangreiches Verständnis und einer offener Zugang führt außerdem zu einem Gefühl von Sicherheit, das im Zusammenhang mit Inkontinenz besonders wertvoll ist.
4. Wann genau sollte ich ärztliche Hilfe in Betracht ziehen?
Bei gering ausgeprägter Belastungsinkontinenz kann unter physiotherapeutischer Anleitung
ein Beckenbodentraining hilfreich und erfolgreich sein. Bei stärker ausgeprägter
Belastungsinkontinenz und bei allen anderen Arten von Inkontinenz sollte auf jeden Fall eine
ärztliche Abklärung erfolgen.
5. Kann Inkontinenz vorübergehend sein, oder ist sie immer dauerhaft?
Nach einer Geburt kommt es häufig vorübergehend zu einer Harninkontinenz. Durch gezieltes Training des Beckenbodens ist diese Art von Inkontinenz häufig vorübergehend. Wenn bei einer Dranginkontinenz die Ursache behoben wird (z. B. Polypen, Infektionen) kann auch die Dranginkontinenz vorübergehen sein.
Wichtig ist es diese Themen offen anzusprechen, sich, wenn nötig Hilfe zu suchen und sich trotz gesellschaftlichen Drucks nicht einreden zu lassen, dass man sich für seinen Körper schämen sollte.
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