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Das ist Daan (Sie/Ihr)

März 6, 2025 . jessie

Daan Borrel – Authorin und Journalistin

„Für mich geht es beim Feminismus darum, ein Netzwerk aufzubauen, sich gegenseitig zu helfen. Und hoffentlich können wir in Zukunft sogar gegenseitig unsere vaginalen Mikrobiome gesund halten.“  

Daan Borrel lebt ihren Beruf: Inspiriert von persönlichen Erfahrungen und Geschichten erforscht Daan gesellschaftliche Themen wie Sexualität, Frauengesundheit und Beziehungen. Ihre Arbeit dreht sich um die Frage, was nötig ist, um Gleichberechtigung zu schaffen, und sie ermutigt uns, darüber nachzudenken, wie eine feministische Zukunft aussehen könnte. 

Sie ist Journalistin für verschiedene Plattformen und hat den Podcast Met z’n allen achter de Kinderwagen (Zusammen hinter dem Kinderwagen) über inklusive Elternschaft ins Leben gerufen (u. a. auf Spotify und Apple). Außerdem hat sie mehrere Bücher über Themen wie die Beziehung zwischen Frauen, Mutterschaftsvorsorge und Intimität geschrieben, und ihr kürzlich veröffentlichter Debütroman De Dragers (Die Träger) wurde für die Longlist des Libris-Literaturpreises ausgewählt. 

Für Yoni hat sich Daan im vergangenen Jahr in die faszinierende Welt des vaginalen Mikrobioms vertieft, worüber sie mehrere Blogs geschrieben und den Podcast Van Vrouwen Voor Vrouwen (Von Frauen für Frauen) erstellt hat. In diesem Podcast erforscht sie, wie das vaginale Mikrobiom dabei helfen kann, vaginale Probleme zu reduzieren und wie wir als Frauen uns gegenseitig in Zukunft die Vagina gesund halten können (verfügbar auf Spotify und Apple) 

Zuerst eine persönliche Frage: Kannst du dich noch an deine erste Periode erinnern?  

Ich war 10 Jahre alt und begleitete eine Freundin zu ihrem Badminton-Kurs. Ich erinnere mich noch gut an das Klo in der Turnhalle. Auf der Toilette entdeckte ich dunkles Blut in meiner Hose und dachte, ich hätte in meine Hose gekotzt! Da ich so jung war, kannte ich mich mit der Menstruation nicht besonders gut aus und war erst mal ziemlich schockiert. Zu Hause erklärte es mir meine Mutter und war dabei sehr liebevoll; Ich bekam einen schicken Glitzerstift und eine Karte von meiner Tante. Als ich älter wurde, litt ich sehr unter PCOS und Hormonschwankungen und erfuhr auch von meiner Mutter, dass die Periode und Wechseljahre nicht immer so einfach sind.  

Im Jahr 2020 hast du einen Monat lang persönliche Fotos über deinen Menstruationszyklus auf Instagram geteilt. Wie wirkt sich dein Zyklus auf dein tägliches Leben aus?  

Bevor ich ein Kind bekommen habe, habe ich lange Zeit auf meinen Zyklus geachtet, auch wegen meines PCOS. Das ließ sich gut mit meiner Arbeit als Freelancerin und Autorin vereinbaren. So habe ich den kreativen Teil meiner Arbeit im Frühjahr und Sommer (in den Wochen vor und um meinen Eisprung herum) geplant. Im Herbst (in der Woche vor meiner Periode) habe ich mich weniger mit neuen Ideen beschäftigt, sondern mehr mit der Erledigung geplanter Aufgaben oder der Überprüfung von Arbeiten. Ich habe auch festgestellt, dass, wenn ich meinen eher negativen Emotionen und der Müdigkeit, die ich im Herbst und während der Menstruation erlebe, Raum gebe, auch ganz besondere Einsichten auftauchen.  

Und wie siehst du den Einfluss des Menstruationszyklus auf die Gesellschaft im Allgemeinen?   

Unsere westliche Gesellschaft ist nicht auf die Zyklen im Leben einer Frau, wie Menstruation, Schwangerschaft und Wechseljahre, eingestellt. Im Gegensatz zu Frauen, deren Hormonwerte andauernd schwanken, haben Männer jeden Tag die gleichen Testosteronspiegel: Er steigt am Morgen und sinkt am Abend, also genau so, wie unsere Arbeitstage gestaltet sind. Unsere Gesellschaft ist linear und auf ständige Produktivität ausgerichtet, während der Taoismus beispielsweise besagt, dass Frauen im Sommer arbeiten und sich im Winter viel mehr ausruhen sollten, was in etwa den Jahreszeiten eines Menstruationszyklus entspricht. 

Und ganz konkret arbeiten die meisten Frauen in Bereichen wie dem Bildungs- und Gesundheitswesen, wo sie wenig Autonomie haben. Wenn man zum Beispiel in den Wechseljahren ist und Hitzewallungen oder starke Regelblutungen hat, ist es schwierig, dafür Raum zu schaffen. Als Krankenschwester ist es schwierig, das Fenster für einen Moment zu öffnen. Männer hingegen sind oft in autonomen Berufen tätig, z. B. als Manager, und haben mehr Spielraum dafür. Wenn man sich das Leben einer Frau anschaut, gibt es dort viel mehr Bedarf an dieser Unabhängigkeit.  

Im Mittelpunkt deiner Arbeit steht der Feminismus. Woher kommt dein Antrieb für diese Thematik? 

Viele Themen, über die ich schreibe, stammen zunächst aus meinem eigenen Leben, zum Beispiel sexuelle Wünsche wie in meinem Buch Soms is liefde dit (Manchmal ist Liebe dies). Ich habe oft andere Vorstellungen als die, die mir beigebracht werden oder die ich in Büchern und Filmen sehe. Und das erforsche ich dann. Der Feminismus hat mir dabei viel bedeutet, weil ich entdeckt habe, dass ich nicht die Einzige bin, die diese Sehnsüchte hat, und dass ich deshalb nicht verrückt bin.  

In meiner Arbeit habe ich angefangen, mehr darüber nachzudenken, wer sonst noch unter Erfahrungen leidet, die ich auch als störend empfinde. Dabei bin ich auf Zahlen und Berichte von Frauen gestoßen, die nicht so viele Privilegien haben wie ich. Mir wurde klar, dass, wenn ich nicht frei bin, andere es auch nicht sind, und deshalb müssen wir gemeinsam daran arbeiten. Denn solange gewisse Menschen nicht frei sind, werden wir es alle nicht sein. 

Durch deinen Beruf erforschst du alle möglichen feministischen Themen, von Sexualität und weiblicher Gesundheit bis hin zu Frauen in der Geschichte. Aber im Kern dreht sich deine Arbeit um Intimität. Kannst du uns sagen, was genau du damit meinst?    

In meinem Job als Schriftstellerin und Journalistin suche ich nach Themen, die die Intimität zwischen Menschen, insbesondere zwischen Frauen, fördern. Für mich bedeutet Intimität, der zu sein, der man in diesem Moment ist. Es gibt viele Faktoren, die das bei Frauen einschränken, was in vielen meiner Arbeiten angesprochen wird. Der belgische Psychiater Paul Verhaeghe sagt: „Intimität setzt voraus, dass man sich in seiner Haut wohlfühlt.“ So einfach ist das.  

Wenn man sich die weibliche Sexualität ansieht, gibt es immer noch viele Hindernisse, die dem im Wege stehen. Frauen sehen sich beim Sex oft aus einer Art Helikopterperspektive. Das nennt man auch narzisstisches Begehren, also die starke Beschäftigung mit sich selbst beim Sex: „Findet der andere mich nicht zu dick?“ „Sehe ich hübsch aus?“ Diese Konzentration auf sich selbst blockiert eine tiefere Verbindung mit dem Gegenüber, weil man die andere Person nicht anschaut. Und so ist man selbst nicht damit beschäftigt, „Was möchte ich eigentlich?“ „Oder was will ich von einem anderen Körper?“    

Das spielt auch bei der Geburt eine Rolle. Ich denke, dass viele Frauen nicht sie selbst sein können. Mehr als die Hälfte der Mütter erlebt die Betreuung während der Schwangerschaft oder Geburt als respektlos oder sogar gewalttätig. Bei Frauen mit nicht-westlichem Migrationshintergrund ist dieser Anteil sogar doppelt so hoch. Auch hier geht es also darum, wie Menschen mit einer Gebärmutter daran gehindert werden, sie selbst zu sein, was auch die Intimität beeinflusst.  

Es gibt viele Möglichkeiten, wie Frauen dazu gebracht werden, sich selbst nicht gut zu fühlen. Einige sind sichtbar, andere eher unsichtbar. Darum geht es in meiner Arbeit: Intimität zwischen Menschen zu schaffen, indem ich Frauen ein gutes Gefühl für sich selbst gebe.   

Für Yoni hast du dich letztes Jahr mit dem vaginalen Mikrobiom und der Rolle des Milchsäurebakteriums Lactobacillus Crispatus befasst. Du hast mehrere Blogs darüber geschrieben und einen Podcast über vaginale Gesundheit aufgenommen (auf Spotify und Apple). 

Warum interessierst du dich für die weibliche und vaginale Gesundheit?  

Auch in der wissenschaftlichen Forschung gibt es so viel Ungleichheit: Es gibt Tausende von Studien über Spermien, aber nur Dutzende über Menstruationsblut. Wenn man sich aber zum Beispiel anschaut, wie viele Frauen unter Pilzinfektionen leiden, muss unbedingt weiter erforscht werden, wie das Mikrobiom und insbesondere der Crispatus dazu beitragen können, das zu verhindern. Aber es gibt zu wenig Geld für diese Forschung, so dass ich mich frage: Wollen wir das Problem lösen? Diese eingeschränkte Forschung führt dazu, dass Frauen weniger Jahre bei guter Gesundheit leben und gleichzeitig weniger Wissen über ihren eigenen Körper besitzen. Ich finde das unfair, denn wer dieses Verständnis nicht hat, kann auch nicht danach leben.

Das Thema des diesjährigen Internationalen Frauentags lautet: „For all women and girls: Rights. Equality. Empowerment“. Letztes Jahr hast du dein Buch Baren Buiten de Box veröffentlicht, das du gemeinsam mit der Hebamme Bahareh Goodarzi geschrieben hast. Das Buch ist ein Plädoyer für die Gleichberechtigung in der Geburtshilfe. Ein wichtiger Aspekt dabei ist der Einfluss gesellschaftlicher Faktoren. Kannst du uns etwas mehr darüber erzählen?   

Im Gesundheitswesen gibt es immer noch viele Vorurteile gegenüber People of Color oder Flüchtlingen. So wird zum Beispiel angenommen, dass schwarze Frauen weniger Schmerzen empfinden. Lange Zeit ging man in der Medizin sogar davon aus, dass das Becken von Weißen besser für die Geburt geeignet sei, was zu mehr Kaiserschnitten bei schwarzen Menschen führte. Und auch heute noch ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Baby stirbt, bei People of Color wesentlich höher.  

Sozioökonomische Faktoren haben einen starken Einfluss auf die Gesundheit, sind aber nicht immer leicht zu erkennen. Armut zum Beispiel kann sorgen für eine Frühgeburt oder niedriges Geburtsgewicht. Und Kinder, die mit schlechten Schwangerschaftsergebnissen geboren werden, schneiden später in der Schule oft schlechter ab. Es ist eine Schande, dass nicht mehr Energie und Geld in dieses Thema gesteckt werden, denn man kann damit so viel erreichen.  

Du hast viel über die (vaginale) Gesundheit geforscht. Wie siehst du die aktuellen Entwicklungen auf diesem Gebiet?   

Das Wissen über den weiblichen Körper wächst und wird zugänglicher, was ich begrüße, vor allem durch den Aufstieg von Femtech. Gleichzeitig wird das aber auch sofort wieder in kapitalistische Strukturen eingebettet. Menstruations-Apps geben zum Beispiel Aufschluss über die Auswirkungen des Zyklus, empfehlen aber auch teures Yoga oder intensiven Sport zu bestimmten Zeiten des Monats. Infolgedessen bleibt die weibliche Gesundheit hauptsächlich den wenigen Glücklichen zugänglich.  

Außerdem bleiben auch viele wissenschaftliche Herausforderungen bestehen. Es gibt zwar neue Produkte und Tests für Frauen, aber die Wirkung kann oft noch nicht wissenschaftlich belegt werden. So kann man zum Beispiel mit einem Test feststellen, welche Milchsäurebakterien man in der Vagina hat, aber man kann nicht sagen, dass jemand ohne Crispatus unbedingt ungesünder ist. Letztlich geht es um das individuelle Gleichgewicht im Mikrobiom, es ist ein sehr komplexes Zusammenspiel. Die Wissenschaft hinkt den Entwicklungen auf dem Markt noch hinterher, was ich sehr spannend finde.   

Was ist das Auffälligste, das du bei deiner Forschung über L. crispatus gelernt hast? (Lese hier Daans Blogs oder höre dir den Podcast auf Spotify und Apple an.)  

Was ich wirklich erstaunlich fand, ist, dass die Forscher des ISALA-Projekts herausgefunden haben, dass die Mikrobiomanalyse helfen kann, Beweise für sexuelle Gewalt zu sammeln. Sie untersuchten die Unterwäsche von Frauen und zeigten, dass selbst wenn jemand seine Unterwäsche wechselt und duscht, noch bis zu 34 Stunden später Sperma in der Unterwäsche nachgewiesen werden kann. Darüber hinaus fanden sie heraus, dass Veränderungen des Mikrobioms in der Unterwäsche auch noch nach 72 Stunden sichtbar sind, also länger als in einem Vaginalabstrich. Diese Zeitspanne ist entscheidend, wenn ein Opfer nicht sofort nach einer Vergewaltigung Anzeige erstattet.  

Auf deiner Website schreibst du: „Ich bezeichne mich selbst als Feministin, und in meiner Arbeit versuche ich, eine Zukunft zu formulieren, die es noch nicht gibt.“ Wie sieht deiner Meinung nach die ideale Zukunft aus? 

Ich denke, die Zukunft des Feminismus liegt darin, dass Frauen sich gegenseitig unterstützen und als Netzwerk funktionieren. Bonobos zum Beispiel leben in einer gleichberechtigten Gruppe, weil sich die Weibchen untereinander verbünden. Das macht sie als Kollektiv stärker als die Männchen. Diese Art der Zusammenarbeit ist etwas, das wir in unserer westlichen, individualistischen Gesellschaft nicht mehr leisten können. Infolgedessen sind die Frauen als Kollektiv geschwächt. Ein weiteres Beispiel ist die Reaktion auf Gefahr. Traditionell sagt man, dass es drei Hauptreaktionen gibt: Erstarren, Flucht und Kampf. Aber als diese Untersuchung mit Frauen durchgeführt wurde, zeigte sich, dass es noch eine vierte Möglichkeit gibt: ein Netzwerk aufzubauen, das einen in gefährlichen Situationen stärker macht.  

Das ist es auch, was ich an der Studie Van Vrouwen Voor Vrouwen Onderzoek so toll finde: Die ganze Initiative ist von Frauen für Frauen und zeigt, wie wir uns gegenseitig unterstützen können und damit hoffentlich in Zukunft auch gegenseitig unsere Vaginas gesund halten. 

Auf Daan´s Website und Instagram Profil gibt es mehr Informationen über ihre Arbeit.

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