Von Toren, Treffern und Wandel: Periodenstigmas im Profisport
Die meisten von uns kennen diese Situation: Man trägt seinen Lieblingsrock oder eine weiße Shorts, fühlt sich selbstbewusst und dann auf einmal…
Vielleicht ist es ein plötzliches Gefühl, ein Fleck, den man zu spät bemerkt, oder diese ständige Unsicherheit, wegen der man eine Freundin bitten muss, beim Vorbeigehen „mal eben zu checken, ob alles okay ist da unten“. Ein Moment, der das eigene Körpergefühl schlagartig verändert, von Selbstbewusstsein zu Selbstzweifel. Und leider ist das ein Moment, den viel zu viele von uns als „normal“ akzeptiert haben.
Jetzt stell dir vor, du fühlst genau das, aber auf einer internationalen Bühne, mit über hundert Scheinwerfer auf dich gerichtet. Du rennst, grätschst, streckst dich, rutschst über das Spielfeld, während dir Tausende im Stadion zusehen und Millionen zu Hause zuschauen … und du trägst weiße Shorts. Während du weißt, dass deine Periode jederzeit einsetzen oder durch deine Trainingshose hindurch sickern könnte.
Das ist die Realität, mit der viele Profisportlerinnen seit Jahren konfrontiert sind. Doch bei der UEFA Frauen-EM in diesem Sommer zeigt sich ein kraftvoller Wandel:
Mehrere Nationalteams haben sich bewusst gegen die traditionellen weißen Shorts entschieden, eine scheinbar kleine Veränderung, die jedoch eine große Botschaft sendet: Spielerinnen sollten sich nicht zusätzlich mit Periodenangst belasten müssen, nur um auf dem Platz stehen zu können. Sogar Wimbledon, das traditionsreichste Tennisturnier der Welt, hat kürzlich seinen strengen Dresscode in Weiß gelockert und erlaubt Spielerinnen nun dunkle Shorts unter dem Spieloutfit zu tragen. Eine längst überfällige Entscheidung, die den Stress menstruierender Athletinnen ernst nimmt.
Dieser Wandel in der Sportbekleidung ist nicht nur eine Frage des Komforts, er lässt sich auch wissenschaftlich belegen. Eine Studie von Alex Krumer zeigt eindrucksvoll, wie Periodenangst, insbesondere die Angst vor dem Durchsickern, die sportliche Leistung beeinflussen kann. Die Untersuchung ergab, dass Frauenmannschaften, die in weißen Shorts spielen, im Durchschnitt weniger Punkte erzielen als ihre Gegnerinnen in dunkleren Trikots. Die Daten deuten darauf hin, dass Athletinnen Schwierigkeiten haben, sich voll zu konzentrieren, wenn sie gleichzeitig mit dem mentalen Druck kämpfen, ihre Periode zu „verstecken“. Besonders, wenn die Kleidung das Risiko eines sichtbaren Flecks erhöht. Die Studie liefert einen klaren Hinweis darauf, warum viele Teams jetzt auf dunklere Outfits setzen, um die mentale Belastung zu reduzieren und die Leistungsfähigkeit zu stärken.
Aber es geht hier um mehr als nur Shorts. Die Angst vor einem Blutfleck und die damit verbundene Scham wurzeln tiefer. Sie ist Ausdruck eines gesellschaftlichen Tabus: der Umgang mit Menstruation. Warum empfinden wir es als peinlich oder beschämend, wenn es zu einem „Unfall“ kommt?
Die Gesellschaft hat menstruierende Menschen seit jeher dazu erzogen, sich für einen völlig natürlichen Körpervorgang zu schämen. Schon in jungen Jahren wird die Periode als etwas dargestellt, das man verstecken, nur flüsternd besprechen oder gar als ekelhaft empfinden soll. Dieses tief verankerte Stigma schafft ein Umfeld, in dem ein Blutleck nicht nur eine körperliche, sondern auch eine emotionale Belastung darstellt. Ein sichtbarer Blutfleck auf der Kleidung ist plötzlich nicht nur ein Malheur, er wird als Makel am Charakter betrachtet.
In vielen Kulturen bestehen seit Generationen Tabus gegenüber Menstruationsblut, was sie nur schwer aufzulösen macht. Ein Blutfleck wird somit zum Bruch eines unausgesprochenen gesellschaftlichen Gebots: Die Periode muss unsichtbar bleiben. Wenn Menstruation als etwas „Unreines“ oder „Peinliches“ dargestellt wird, überrascht es nicht, dass viele Menschen internalisieren, dass ihr Körper kontrolliert, versteckt und entschuldigt werden muss. Diese stille, chronische Scham begleitet sie ins Klassenzimmer, in den Konferenzraum, in die Umkleidekabine und eben auch auf den internationalen Sportplatz.
Natürlich gibt es hier auch eine wichtige Nuance: Die Farbe der Kleidung zu ändern, beseitigt das Stigma nicht. In gewisser Weise bestätigt es sogar die Vorstellung, dass Menstruation weiterhin unsichtbar bleiben muss. Und doch ist diese Veränderung ein starkes Zeichen: Periodenangst ist real, berechtigt und verdient endlich Aufmerksamkeit, auch in Bereichen, in denen sie lange ignoriert wurde. Vielleicht ist dies nicht die endgültige Lösung, aber es ist ein bedeutsamer Schritt. Einer, der Türen öffnet für größere Gespräche über Fürsorge, Selbstbestimmung und das Recht, angstfrei zu leben und zu leisten.
Diese kleinen Veränderungen in der Sportkleidung sind also mehr als nur praktisch, sie sind Teil eines gesellschaftlichen Umbruchs. Wenn Spitzensportlerinnen sich für Veränderungen einsetzen, die Menstruation sichtbar machen, verbessern sie nicht nur ihre eigenen Bedingungen, sie stellen sich auch gegen ein System, das Perioden viel zu lange totgeschwiegen hat. Je offener wir über diese Realitäten sprechen, desto mehr bröckelt das alte Tabu.
Ob mit Pokal in der Hand oder in weißen Jeans auf dem Weg zur Arbeit: Niemand sollte sich während der Periode verstecken oder fürchten müssen.
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